Die Psychologie der Emotionen

Jonathan Haidt: The Righteous Mind

haidt_righteous_mindWarum dieses Buch bisher nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist, bleibt mir ein Rätsel. Wer sich für die Ursachen moralischen Handelns interessiert, kommt um den Sozialpsychologen Haidt und sein sozial-intuitives Modell der Moral jedenfalls kaum herum.

Wenn wir moralische Urteile fällen, so Haidts Grundgedanke, geschieht dies zunächst intuitiv. Wir suchen erst im Nachhinein nach Argumenten, die ein spontan gefälltes Urteil begründen oder rechtfertigen. Rationale Überlegungen können die moralischen Bewertungen zwar prinzipiell beeinflussen – in der Praxis sei das Bauchgefühl aber entscheidend. Es gilt laut Haidt die „Elefanten-Regel“: Der Reiter (das bewusste Denken) dient dem Elefanten (dem Unbewussten, das unsere Handlungen größtenteils bestimmt). Um die moralische Einstellung von Menschen zu verändern, müsse man mit ihrem Elefanten-Ich sprechen. Für Nicht-Psychologen ist das auf den ersten Blick vielleicht wenig überzeugend, aber wenn man populistische Politiker beobachtet, sieht man schnell, wie gut das funktioniert.

Jeder lebt, so Haidt, in einer „moralischen Matrix“, die von der Kultur und der sozialen Gruppe mitbestimmt ist, in der er aufwächst. Die moralischen Vorstellungen innerhalb der eigenen Matrix bilden nicht nur den Hintergrund für die intuitiven Werturteile, die jemand fällt. Sie können auch blind machen für andere ethische Konzepte. Mit Rückgriff auf die Untersuchungen des Kulturanthropologen Richard Shweder unterscheidet Haidt drei solcher Konzepte:

  • eine Ethik der Autonomie, in der Menschen in erster Linie als autonome Personen mit individuellen Wünschen, Bedürfnissen und Vorlieben betrachtet werden. Gesellschaften, die diesem Konzept folgen, stellen Persönlichkeitsrechte und die Freiheit des Einzelnen ins Zentrum ihres Rechtssystems.
  • eine Ethik der Gemeinschaft, welche die Gruppe über den Einzelnen stellt. Die bestimmenden Konzepte sind hier: Respekt, Pflichten, Ansehen und Patriotismus. Eine rein personenbezogene Lebensgestaltung gilt als egoistisch, wenn nicht gar gefährlich.
  • eine Ethik der Göttlichkeit, die den menschlichen Körper als Sitz einer göttlichen Seele verehrt. In der Moral solcher Gesellschaften haben Vorstellungen von Heiligkeit, Sünde, Reinheit, Beschmutzung und Entehrung eine große Bedeutung.

Haidt bewertet diese Konzepte nicht, sondern stellt fest, dass es sie gibt – und dass moralische Vorstellungen mit bestimmten Emotionen verbunden sind, die zur evolutionären Grundausstattung von Menschen gehören. Er benennt fünf Säulen, auf denen moralische Intuitionen basieren können:

  • Fürsorge (Emotion: Mitgefühl)
  • Gerechtigkeit (Emotionen: Ärger, Dankbarkeit und Schuld)
  • Loyalität (Emotionen: Stolz auf die Gruppe, Zorn gegenüber Verrätern)
  • Autorität (Emotionen: Furcht und Respekt)
  • Heiligkeit (Emotion: Ekel)

In seinen Untersuchungen konnte Haidt zeigen, dass die Ausprägung auf diesen fünf Dimensionen sehr gut die politische und religiöse Einstellung von Personen vorhersagen kann. Liberale und Konservative in den Vereinigten Staaten beispielsweise unterscheiden sich offenbar darin, welche der fünf Variablen in ihre moralische Gleichung eingehen: Während Liberale in erster Linie Gerechtigkeit und Fürsorge als Werte verteidigen, sind für Konservative alle fünf maßgebend. Diesen Unterschied zwischen dem linken und rechten politischen Spektrum konnte Haidt auch für Europa nachweisen. Der Zusammenhang scheint sehr robust zu sein.

Die konservativen republikanischen Politiker, die alle fünf Aspekte berücksichtigen, haben das sozial-intuitive Modell in gewisser Weise besser verstanden. Sie sprechen auch das Elefanten-Ich ihrer Wähler an. In dieser Hinsicht, meint Haidt, haben sie den Demokraten etwas voraus.

Die Empfehlung des Sozialpsychologen: Wir sollten viel öfter aus unserer eigenen moralischen Matrix heraustreten und versuchen, die emotionalen Beweggründe derjenigen nachzuvollziehen, die anders denken. Selbst wenn man danach nicht von der Gegenposition überzeugt ist – Haidts moralpsychologische Erkenntnisse machen sie auf jeden Fall plausibler.


Moralforschung von Haidt & Kollegen: www.yourmorals.org

Ted Talks von Jonathan Haidt: www.ted.com/speakers/jonathan_haidt

„Wir reiten auf einem Elefanten“ – Jonathan Haidt im Gespräch mit DER SPIEGEL

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Einfaches HTML ist erlaubt. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Abonniere diesen Kommentar-Feed über RSS

%d Bloggern gefällt das: