Die Psychologie der Emotionen

Eifersucht – die Angst vor dem Verlust

Eifersucht

Während einige in Eifersucht ein Zeichen tiefer Liebe sehen, behaupten andere, sie sei Symptom überzogener Besitzansprüche. Was steckt hinter dieser schillernden Emotion? Und wie gefährlich kann sie sein?

Fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis: Vermutlich werden Sie feststellen, dass die meisten keinen Unterschied zwischen Neid und Eifersucht machen. Aus psychologischer Sicht gibt es aber einen. Neidisch ist man auf eine Person, die etwas besitzt, das man selber nicht hat – mehr Geld, einen besseren Job, ein höheres Ansehen. Zum Neid gehören folglich nur zwei Parteien. Eifersucht dagegen spielt sich immer in einem Beziehungsdreieck ab: Dem/der Eifersüchtigen geht es darum, eine Beziehung zu einem anderen Menschen gegen Dritte zu verteidigen. Eifersucht gibt es unter Geschwistern, die um Zeit und Zuwendung ihrer Eltern buhlen. In engen Freundschaften, wenn deren Exklusivität infrage gestellt wird. Und natürlich in Liebesbeziehungen, wenn das (sexuelle) Interesse des Partners an einem Rivalen größer ist als erwünscht.

„Eifersucht ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Sie ist eine allgegenwärtige, eine bittere und potentiell auch gefährliche Erfahrung. Das Phänomen ist allgegenwärtig, weil wir viele Beziehungen eingehen, die mehr oder weniger bedeutsam für uns sind. Je größer die Bedeutung der Beziehung für uns ist, desto intensiver (und folglich auch gefährlicher) sind die Erscheinungsformen der Eifersucht.“ (Joseph Campos et al.)

Wissenschaftler streiten darüber, ob es sich bei Eifersucht um eine eigenständige Emotion handelt oder um einen emotionalen Zustand, der Gefühle wie Angst, Ärger und Trauer umfasst. Tatsache ist, dass Eifersucht sehr verschiedene Gesichter hat und eine große Bandbreite von Verhaltensweisen auslösen kann. Am kommunikativen Ende der Skala bekunden Eifersüchtige Interesse an ihrem Partner, machen wohlwollende Kontaktangebote, werben um den Anderen. Am destruktiven Ende der Skala nehmen offene oder verdeckte Aggressionen gegen den Partner (oder den Rivalen) zu. Nicht selten droht dann der Abbruch der Beziehung oder der Rückzug auf sich selbst. Im Jahr 2008 führte TNS Emnid eine Umfrage zu eifersüchtigem Verhalten unter 423 Deutschen zwischen 20 und 49 Jahren durch. Über 40 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten ihrem Partner schonmal eine Szene gemacht. Über 35 Prozent hatten schlecht über den Anderen geredet. Und ein beträchtlicher Teil – insbesondere der befragten Männer (44,3%) –  hatte eine frühere Beziehung aus Eifersucht beendet.

Während einige in Eifersucht ein Zeichen für tiefe Liebe sehen, behaupten andere, Eifersucht habe mit wahrer Liebe nicht das Geringste zu tun. Vielmehr sei sie Symptom überzogener Besitzansprüche. In einer Online-Umfrage, die Parship 2014 veröffentlichte, sagten 72 Prozent von knapp 2000 Befragten, in Maßen sei Eifersucht in Ordnung. 17 Prozent  waren der Meinung, Eifersucht sei ein absolutes No-Go in der Beziehung. Nur sieben Prozent deuteten Eifersucht als echten Liebesbeweis. Moderate Eifersucht scheint also für viele eine ganz normale Reaktion zu sein. Aber was steckt hinter dieser schillernden Emotion? Und wie gefährlich kann sie sein?

Warum sind wir eifersüchtig?

Aus evolutionärer Sicht ergibt Eifersucht absolut Sinn, denn Menschen sind auf soziale Beziehungen angewiesen. Die Sichtweise hat in der Forschung viel Beachtung gefunden. Ging man früher davon aus, dass Eifersucht krankhaft ist, gilt Eifersucht heute als adaptiv, zumindest in einem moderaten Ausmaß.

Säuglinge und Kleinkinder können ohne die Unterstützung ihrer Eltern (oder naher Bezugspersonen) nicht überleben bzw. sich nicht optimal entwickeln. Es liegt daher nahe, dass sie sensibel reagieren, wenn die Eltern sich den Geschwistern widmen und sie selbst stattdessen zurückstecken müssen. Studien der Entwicklungspsychologin Sybil Hart zeigen, dass Säuglinge bereits im Alter von fünf bis sechs Monaten traurig oder erregt sind, sobald ihre Mütter einem anderen Kind (oder einer Puppe) ihre Aufmerksamkeit schenken. Der Entwicklunspsychologe Michael Lewis bezweifelt dagegen, dass Kinder in diesem zarten Alter Eifersucht empfinden. Er vertritt die Ansicht, dass es sich bei Eifersucht um eine selbstbewusste Emotion handelt. Gemeint ist damit, dass ein Kind zuerst ein kognitives Konzept der eigenen Person, ein Bewusstsein für das „Selbst“  (in Abgrenzung zu anderen Personen) entwickeln muss, bevor man tatsächlich von Eifersucht sprechen kann. Diese Fähigkeit der Selbstwahrnehmung entwickelt sich in der Regel erst im Laufe des 2. Lebensjahres und lässt sich über den sogenannten Rouge- oder Spiegeltest feststellen. Unbestritten ist, dass mit zunehmendem Alter immer mehr Formen der Eifersucht ausgespielt und die Reaktionen auf eine Eifersucht auslösende Situation flexibler werden.

Ein noch junger Zweig der Eifersuchtsforschung beschäftigt sich mit Rivalitäten in Freundschaften, insbesondere in den Jugendjahren. In Studien konnte gezeigt werden, dass vor allem Mädchen in der Adoleszenz häufig eifersüchtig reagieren, wenn sich eine enge Freundin gleichaltrigen Dritten anvertraut. Freundschaften sind in dieser Zeit oft sehr intensiv und es werden hohe Erwartungen an sie gestellt. Man gluckt ständig zusammen und enthüllt sich gegenseitig die intimsten Geheimnisse. Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke vertritt sogar die Auffassung, dass die Intimität in Jugendfreundschaften mit der in romantischen Partnerbeziehungen vergleichbar ist. Kommt es in solchen freundschaftlichen Beziehungen zu Vertrauensbrüchen, ist die Kränkung entsprechend stark und Konflikte sind vorprogrammiert. Innige Jugendfreundschaften vermitteln dabei aus Sicht der Psychoanalytikerin Erfahrungen, die als Blaupause für nachfolgende Liebesbeziehungen dienen. Sie zeigte mit einer Längsschnittstudie, die über 10 Jahre lief, dass die Qualität der freundschaftlichen Interaktion in der späten Kindheit und der frühen Jugend vorhersagt, wie sicher jemand später im Umgang mit einem romantischen Partner ist.

Mit der Eifersucht in erwachsenen Partnerschaften hat sich seit Beginn der 1990er Jahre der US-amerikanische Evolutionspsychologe David Buss intensiv auseinander gesetzt. Buss ist davon überzeugt, dass Eifersucht als evolvierter psychologischer Mechanismus (EPM) zu verstehen ist, da Untreue oder der Verlust eines Partners weitreichende Folgen für den Reproduktionserfolg unserer Vorfahren hatten. Droht sexuelle oder emotionale Untreue, motiviere Eifersucht bei Männern wie Frauen ein Verhalten, das die Beziehung schützt und die Chance erhöht, die eigenen Gene weiterzugeben. Empirisch fanden Buss und seine Kollegen jedoch auch Unterschiede zwischen den Gechlechtern: Zum Beispiel gaben Männer an, dass sie eifersüchtiger auf sexuelle Seitensprünge reagieren würden. Frauen meinten, es beunruhige sie stärker, wenn der Partner tiefe Gefühle für eine andere Frau hegt. Buss erklärt diese geschlechterbedingte Tendenz damit, dass Frauen sich die männliche Unterstützung für die Aufzucht des Nachwuches sichern mussten, Männer hingegen ihre genetische Vaterschaft, damit sie keine Kuckuckskinder großziehen.

„Bei Spezies mit innerer weiblicher Befruchtung riskieren Männchen, deren Gefährtinnen sexuellen Kontakt mit anderen Männchen haben, eine geringere Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft und Fehlinvestitionen in die Keimzellen eines Rivalen. Weibchen solcher Arten riskieren durch die Untreue des Partners zwar nicht die Wahrscheinlichkeit, die Mutter zu sein. Es droht ihnen aber, das Engagement und die Ressourcen an fremde Weibchen zu verlieren.“ (David Buss)

Diese Theorie ist zwar plausibel, jedoch umstritten. David DeSteno oder Christine Harris etwa sind skeptisch. Die Antwortunterschiede könnten aus ihrer Sicht ebenso gut auf verbreitetes, stereotypes Wissen zurückgehen: Frauen haben nur Sex mit jemandem, in den sie verliebt sind. Männer haben Sex mit einer Frau, bevor sie sich auch emotional auf sie einlassen. Müssen sich die Befragten auf die ein oder andere Form der Untreue festlegen, wählen sie dann tendenziell die Form, die die andere indirekt einschließt. Letztlich, so DeSteno und Harris, seien emotionale und sexuelle Eifersucht gleichermaßen bedrohlich für beide Geschlechter.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeit?

Setzt man die evolutionäre „Wir-ticken-wie-unsere-Vorfahren“-Brille ab, wird deutlich, dass auch die Persönlichkeit des Einzelnen mitbestimmt, ob jemand zur Eifersucht neigt oder nicht. Ein entscheidender Faktor ist das Selbstwertgefühl, denn der Rivale bedroht nicht nur die Beziehung, sondern stellt auch die eigene Person in Frage. Selbstzweifel keimen auf: Bin ich ein schlechter Liebhaber? Bin ich nicht attraktiv? Was mache ich falsch? Je geringer die Selbstwertschätzung, desto empfindlicher reagieren Personen darauf, dass die Beziehung – und damit das eigenen Selbstbild – angezweifelt wird. In einer Untersuchung von David DeSteno und Peter Salovey wurden Probanden potentielle Rivalen vorgestellt und sie sollten einschätzen, wie eifersüchtig sie wären, wenn der Partner mit diesen flirtet: Die Eifersucht war dann besonders ausgeprägt, wenn der Rivale Eigenschaften besaß, die auch für das Selbstbild der Person eine große Rolle spielten.

Ein zweiter Aspekt, der das individuelle Ausmaß bzw. die Neigung zur Eifersucht beeinflusst, ist der Bindungsstil. Bindungstheoretiker gehen davon aus, dass sich im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen (Eltern, Freunde, Partner) Erwartungen entwickeln, wie diese Personen sich verhalten. Diese Erwartungen stabilisieren sich über die Zeit – es formen sich unterschiedliche Bindungsstile. Personen mit sicherem Bindungsstil vertrauen darauf, dass sie Schutz und Unterstützung erfahren und die Bindungsperson im Bedarfsfall verfügbar ist. Personen mit einem vermeidenden Bindungsstil fühlen sich in einer Beziehung schnell eingeengt und tendieren dazu, emotionale Nähe zu vermeiden. Empfänglich für Bedrohungen der Beziehung von außen sind aber besonders Personen mit ängstlichem Bindungsstil: Sie fürchten sich stärker vor einer Zurückweisung durch den Partner und haben mehr Angst, verlassen zu werden.

Wie gefährlich ist Eifersucht?

Nur in der Mathematik gilt, dass Dreiecke harmlos sind. In zwischenmenschlichen Beziehungen können sie im Extremfall tödlich enden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS 2016, Version 2.0) weist für die Opfer-Tatverdächtigen-Beziehung zwar nicht differenziert aus, gegen wen sich kriminelle Delikte richteten. Ein erheblicher Anteil versuchter oder vollendeter Tötungen (26,2%) und Körperverletzungen (23,8%) ist jedoch in der Ehe, in partnerschaftlichen Beziehungen oder der Familie zu verzeichnen. Offen bleibt, welche Motive zu den Gewalttaten geführt haben.

Christine Harris (2003) wertete eine Reihe qualitativ sehr unterschiedlicher Studien aus: über alle Studien hinweg ging einem Mord in etwa 12% der Fälle Eifersucht voraus – wobei sich kein bedeutsamer Unterschied zwischen Männern und Frauen fand.

Ob die Eifersucht, die zu einer Tat führte, begründet war, ist eine andere Frage. Die eingebildete Eifersucht kann ebenso zerstörerisch wirken. Die literarische Vorlage für diese krankhafte Form der Eifersucht lieferte William Shakespeare mit seinem Eifersuchtsdrama Othello, weshalb der Eifersuchtswahn auch als Othello-Syndrom bezeichnet wird. Auch wenn keine Beweise oder Indizien vorliegen, sind Menschen mit Eifersuchtswahn davon überzeugt, dass sie betrogen werden.

„Die Kranken sind absolut überzeugt von der Richtigkeit ihrer Annahme, auch wenn sie noch so bizarr oder obskur klingt. Gegenargumentationen oder Gegenbeweise erschüttern diese Überzeugung nicht.“ (Andreas Marneros)

Typisch für wahnhaft Eifersüchtige ist, dass sie den Partner überwachen und ausspionieren. Das Kontrollieren des Handys oder das Durchsuchen persönlicher Dinge sind dabei noch verhältnismäßig harmlose Grenzüberschreitungen. Anhaltendes Unverständnis des verdächtigten Partners für die Anschuldigungen befeuert Aggressionen, die sehr schnell eskalieren und sich in verbaler oder körperlicher Gewalt entladen können. In seinem Buch Intimizid: Die Tötung des Intimpartners rät der Psychiater Andreas Marneros daher, den Betroffenen mit äußerster Vorsicht zu begegnen. Werden die Verdächtigungen in Frage gestellt oder gar lächerlich gemacht, kann dies zu empfindlichen Überreaktionen führen – wenngleich tödlich endende Fälle aus seiner Sicht die Ausnahme bleiben.


Internet-Quellen:

„Wer sagt, er sei noch nie eifersüchtig gewesen, ist für mich hochauffällig“ – Interview mit Harald Oberbauer, Leiter der Eifersuchtssprechstunde in Innsbruck, im Süddeutsche Zeitung Magazin

Gebrauchsanweisung für ein Gefühl: Eifersucht – Beitrag von Danilo Rößger in DIE ZEIT

„Jeder kann zum Mörder werden“ – SPIEGEL-Gespräch mit dem Psychiater Andreas Marneros über Tötungsdelikte in intimen Beziehungen

Literatur:

Buss, D. M. (2000). The dangerous passion: Why jealousy is as necessary as love and sex. New York, NY, US: Free Press.

Buss, D. M., Larsen, R. J., Westen, D., & Semmelroth, J. (2001). Sex differences in jealousy: Evolution, physiology, and psychology. In W. G. Parrott, W. G. Parrott (Eds.) , Emotions in social psychology: Essential readings (pp. 143-149). New York, NY, US: Psychology Press.

Buunk, A. P., & Dijkstra, P. (2006). Temptations and Threat: Extradyadic Relations and Jealousy. In A. L. Vangelisti, D. Perlman, A. L. Vangelisti, D. Perlman (Eds.) , The Cambridge handbook of personal relationships (pp. 533-555). New York, NY, US: Cambridge University Press. doi:10.1017/CBO9780511606632.030

Harris, C. R. (2003). A Review of Sex Differences in Sexual Jealousy, Including Self-Report Data, Psychophysiological Responses, Interpersonal Violence, and Morbid Jealousy. Personality & Social Psychology Review (Lawrence Erlbaum Associates), 7(2), 102-128.

Hart, S. L., & Legerstee, M. (2010). Handbook of jealousy: Theory, research, and multidisciplinary approaches. Wiley-Blackwell. doi:10.1002/9781444323542

Marneros, A. (2008). Intimizid : Die Tötung des Intimpartners. Ursachen, Tatsituationen und forensische Beurteilung. Stuttgart: Schattauer.

Salovey, P. (1991). The psychology of jealousy and envy. New York, NY, US: Guilford Press

Seiffge-Krenke, I. (2009). Psychotherapie und Entwicklungspsychologie. Beziehungen: Herausforderungen, Ressourcen, Risiken. Berlin: Springer.

Wright, M. F. (2017). Intimate partner aggression and adult attachment insecurity: The mediation of jealousy and anger. Evolutionary Behavioral Sciences, 11(2), 187-198. doi:10.1037/ebs0000097

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