Die Psychologie der Emotionen

Humor ist, wenn man mitlacht

Foto: M. Corleone / Art Reports

Sogenannte Lachkonserven gehören schon seit den 60er Jahren zum Standard-Repertoire vieler Komödien und Sitcoms. Eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bestätigte nun erneut, wie ansteckend das eingespielte Gelächter auf die Zuschauer wirkt.

Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an Die Bill Cosby Show oder Eine schrecklich nette Familie. Jüngere Serienjunkies kennen das Phänomen aus How I met your mother oder The Big Bang Theory: eingespieltes Hintergrundgelächter, das zum Mitlachen animieren soll. Während einige den Effekt urkomisch finden, ist das Gegacker bei anderen ein Grund dafür, möglichst schnell weiter zu zappen. Andreas Baranowski, Rebecca Teichmann und Heiko Hecht von der Uni Mainz wollten es genau wissen: Welche Wirkung haben die Lacheinlagen eines (virtuellen) Publikums tatsächlich auf die Zuschauer?

Um dem Phänomen nachzugehen, funktionierten die Psychologen ihr Labor kurzerhand zum Kinosaal um und zeigten den Probanden u. a. Szenen aus den beiden Komödien …und dann kam Polly (2004) und Die Wutprobe (2003). Es stellte sich heraus, dass die Testpersonen Filmszenen deutlich lustiger fanden, wenn andere Leute mitlachten. Der Effekt war zwar stärker, wenn es sich um ein echtes Publikum handelte, aber auch das Lachen aus der Konserve (engl. canned laughter) sorgte dafür, dass die Wahrnehmung und Bewertung der Zuschauer sich veränderte: Selbst Filmausschnitte, die zunächst als wenig spaßig eingestuft wurden, erheiterten die Frauen und Männer in dem Experiment, wenn sie mit Gelächter untermalt wurden.

 

Selbsttest: Wie amüsant finden Sie diese Szenen aus der Big Bang Theory – ohne zusätzliches Fremdgelächter?

Was steckt hinter dem Effekt?

Dass emotionale Reaktionen in ihrem Umfeld stark auf Menschen abfärben, ist nicht neu. Psychologen sind aber noch unsicher, was sich dabei genau abspielt. Sie verfolgen zwei unterschiedliche Erklärungsansätze, die beim zwischenmenschlichen Emotionentransfer eine Rolle spielen können: (1) die sogenannte Gefühlsansteckung und (2) Prozesse der sozialen Bewertung.

Mit Gefühlsansteckung (engl. emotional contagion) beschreiben Psychologen einen Prozess, bei dem wir nicht bewusst bewerten, welche Bedeutung ein Ereignis für uns hat. Vielmehr fühlen wir, was andere fühlen, weil wir deren Reaktionen unbewusst wahrnehmen und imitieren: Wir spiegeln vollkommen automatisch die Mimik, Haltung oder Stimmlage unseres Gegenübers, und infolgedessen stellt sich bei uns das entsprechende Gefühl ein. Zuerst kommt das Gefühl, erst dann ändern wir unsere Einschätzung der Situation.

So konnte etwa der US-amerikanische Psychologe Robert Provine in seinen Untersuchungen zum Lachen zeigen, dass allein die lachtypische Klangstruktur – das Hahaha oder Hehehe – zum Mitlachen anstiftet. „Jemand entscheidet sich nicht zu lachen, wenn ein anderer lacht“, erklärt Provine, „es passiert einfach.“ Das Gelächter und Gegluckse an sich reiche aus, um andere Menschen zum Lachen zu bringen. Die Kommunikation verlaufe gewissermaßen direkt „von Gehirn zu Gehirn“ – auch ohne Witze.

Folgt man Theorien der sozialen Bewertung (engl. social appraisal) so verläuft die Emotionenübertragung in umgekehrter Richtung: Wir nehmen zuerst bewusst war, welches (emotionale) Verhalten andere zeigen, ändern dadurch die Bewertung der aktuellen Situation, und erst dann kommt das Gefühl auf. Die emotionalen Reaktionen der anderen informieren uns darüber, wie wir ein Ereignis deuten sollen – insbesondere, wenn wir selber noch zweifeln, welche Interpretation die richtige ist.

emotionen_sozialer_transfer

Zwischenmenschlicher Transfer von Emotionen nach Brian Parkinson: (1) Gefühlsansteckung und (2) soziale Bewertung. Die beiden Ansätze schließen sich nicht aus. Der britische Sozialpsychologe schlägt deshalb vor, in Zukunft besser zu  differenzieren, welcher psychologische Mechanismus unter welchen Umständen eine (stärkere) Wirkung entfaltet.

Eine Filmszene, die wir ursprünglich nur mäßig amüsant fanden, kann also unter Publikumseinfluss zum echten Schenkelklopfer werden. Kein Wunder, dass Comedy-Produzenten (weiterhin) auf den Effekt setzen, um ihre mehr oder weniger vergnüglichen Shows zu pimpen. Er wirkt.


Die aktuelle Studie:

Baranowski, A. M., Teichmann, R., Hecht, H. (2017). Canned Emotions. Effects of Genre and Audience Reaction on Emotions. Art & Perception, Volume 5, Issue 3. DOI: 10.1163/22134913-00002068

Weitere Quellen:

Bruder, M., Fischer, A., & Manstead, A. S. R. (2014). Social appraisal as a cause of collective emotions. In C. von Scheve & M. Salmela (Eds.), Collective emotions (pp. 141–155). New York: Oxford University Press.

Parkinson, B. (2011). Interpersonal emotion transfer: Contagion and social appraisal. Social and Personality Psychology Compass, 5, 428–439.

Provine, R. R. (2014). Ein seltsames Wesen: Warum wir gähnen, rülpsen, niesen und andere komische Dinge tun. Reinbek: Rowolth
vgl. auch The Science of Laughter – Beitrag von Robert Provine in Psychology Today

van Kleef, G. A., & Fischer, A. H. (2016). Emotional collectives: How groups shape emotions and emotions shape groups. Cognition & Emotion, 30(1), 3-19

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