Die Psychologie der Emotionen

Das Große und Mächtige spüren: Ehrfurcht

Gebirgsmassiv in Nepal

Beim Anblick von etwas Erhabenem nehmen wir uns selbst weniger wichtig.

Ehrfürchtig werden wir in der Gegenwart von etwas Großem oder Mächtigem, das über uns selbst hinausweist. Ehrfurcht verändert die Selbstwahrnehmung. Und sie veranlasst Menschen, eigene Interessen zugunsten anderer zurückzustellen.

Beginnen wir mit etwas Großem, um der Ehrfurcht ihren Raum zu geben. Beginnen wir – da physische Größe in Form von Gebirgsmassiven und mächtigen Kathedralen online nicht zu haben ist – mit Musik. Beginnen wir mit einem Klassiker, der Menschen seit Generationen einen ehrfürchtigen Schauer über den Rücken treibt:
Beethovens Symphonie Nr. 5 (c-moll, Opus 67), 1. Satz

Bestenfalls setzen Sie zum hören Ihre Kopfhörer auf und schalten Auf den Vollbildmodus um.

„Beethovens Musik bewegt die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens“, schrieb der Dichter E. T. A. Hoffmann über die 5. Symphonie, sie eröffne uns „das Reich des Ungeheuern und Unermeßlichen.“ Derart eindrucksvolle Erfahrungen hinterlassen nicht nur die Zuhörer sprachlos. Auch die Psychologie hatte lange wenig dazu zu sagen. Während Gefühle wie Angst, Freude und Trauer eine psychologische Tradition haben, schenken die Forscher/-innen der Ehrfurcht erst in jüngerer Zeit Aufmerksamkeit.

Ein Pionier auf dem Gebiet ist Dacher Keltner. Er und sein Kollege Jonathan Haidt veröffentlichten 2003 eine erste systematische Annäherung, in der sie versuchen, das Phänomen Ehrfurcht einzukreisen. Zwei Dinge sind aus Sicht der beiden Wissenschaftler entscheidend, um die Emotion auszulösen: (1) die Wahrnehmung von etwas Großem, Weitem, Mächtigem und (2) die damit verbundene Herausforderung dieses Große, Weite oder Mächtige mental zu verarbeiten.

„Ehrfurcht wird durch Erfahrungen ausgelöst, die jenseits unserer Kontrolle und unseres Vorstellungsvermögens liegen.“ (Dacher Keltner)

Vulkanausbrüche, Wasserfälle, Donner und Wetterleuchten können ebenso überwältigend wirken wie Beethovens Fünfte, die Skyline von San Francisco oder ein Gemälde von Francisco de Goya. Selbst eine mathematische Formel, hinter der sich Großes verbirgt, könne Menschen ehrfürchtig stimmen, meinen Keltner und Haidt. Häufig berichten Leute auch von Begegnungen mit charismatischen Führungspersönlichkeiten (z. B. der Papst, der Dalai Lama), wenn man sie bittet, sich an einen ehrfürchtigen Moment in ihrem Leben zu erinnern.

Formel

Ehrfurcht vor dem Wissen – Selbst eine mathematische Formel kann Menschen tief beeindrucken, wenn sich eine große Erkenntnis hinter ihr verbirgt.

Maßgeblich ist, dass die wahrgenommene Größe – sei sie nun physisch oder symbolisch – die Vorstellungskraft des Beobachters herausfordert oder sich nicht ohne Weiteres in seine gewohnten Wahrnehmungs- und Denkmuster einfügt. Es setzt dann ein Prozess ein, den Psychologen Akkommodation nennen: die Anpassung der bestehenden mentalen Konzepte an die neue Erfahrung.

„Ehrfurcht funktioniert wie eine Art Reset-Knopf“, schreibt Jonathan Haidt, sie „öffnet Menschen für neue Möglichkeiten, Werte und Ausrichtungen im Leben.“ In ehrfürchtigen Momenten nehmen sich Menschen selber weniger wichtig. Sie vergessen ihre alltäglichen Anliegen und fühlen sich stärker mit ihrem Umfeld verbunden. Die Ehrfurcht zählt daher neben Glück, Dankbarkeit und Mitgefühl zu den positiven Emotionen, die Keltner und seine Gefolgschaft am Greater Good Science Center in Berkeley untersuchen. Erklärtes Ziel des Zentrums ist es, die „Schlüssel für soziales und emotionales Wohlbefinden“ in die Öffentlichkeit zu tragen. Erste Studien legen nahe, dass Ehrfurcht – auch über den Moment hinaus – viel zum Wohlbefinden beitragen kann. Sie macht Menschen glücklicher, neugieriger, kreativer und gesünder. Und: Sie trägt zu einem besseren sozialen Miteinander bei.

Ehrfurcht verbindet Menschen

Der Yosemite Nationalpark gilt als eines der erhabensten Naturspektakel der Welt – der ideale Ort, um die Effekte von Ehrfurcht zu erforschen. Ein Team der University of California, Berkeley passte hier über 600 Touristen aus 42 Ländern ab und befragte sie zu ihrem Erleben und ihrer Selbstwahrnehmung. Als Kontrollgruppe dienten Besucher der Fisherman’s Wharf in San Francisco – ebenfalls ein beliebter Publikumsmagnet, aber kaum Ehrfurcht erregend.

Yosemite Nationalpark

Yosemite Nationalpark – Hier passte das Team um Yang Bai Touristen ab, um die unmittelbaren Auswirkungen von Ehrfurcht auf deren Selbstwahrnehmung zu erforschen.

Das Team rund um die Psychologin Yang Bai befragte die Touristen zu ihren Emotionen und ließ sie Bilder von sich selbst in der jeweiligen Situation zeichnen. Wie erwartet, war Ehrfurcht das dominierende Gefühl beim Anblick der Berglandschaft, ganz gleich, woher die Menschen angereist waren und ob sie den Ort schon häufiger aufgesucht hatten. Noch spannender aber: Die Probanden im Yosemite-Park zeichneten erheblich kleinere Bilder von sich als die Hafenbesucher an der Fisherman’s Wharf!

Die Wissenschaftler/-innen deuten dies als Hinweis dafür, dass Ehrfurcht das Selbstkonzept verändert: Die Person fühlt sich kleiner, die Welt um sie herum wirkt größer. Unter kontrollierten Bedingungen im Labor konnten sie diesen Effekt bestätigen und zeigen, dass er nicht nur in Gegenwart physischer Größe auftritt.

Die veränderte Selbstwahrnehmung wirkte sich zudem darauf aus, wie sich die Befragten in ihrem sozialen Netz verorten. In einem Folgeexperiment, das Yang Bai und ihre Kollegen konzipierten, sollten die Testpersonen ihre zwischenmenschlichen Beziehungen in Form von Kreisen auf einem Blatt Papier symbolisieren. Wiederum stellten sie sich selbst deutlich kleiner dar, wenn sie zuvor ein Ehrfurcht auslösendes Video gesehen hatten. Überdies zeichneten sie in das Netz mehr Personen und kürzere Distanzen zwischen sich und den anderen ein. Ehrfurcht lässt Menschen offenbar näher zusammenrücken.

 „Ehrfurcht hilft dabei, nicht zu sehr auf sich selbst zu fokussieren und mehr darauf zu schauen, was um einen herum geschieht – auf andere Menschen und die Welt als Ganzes. Dadurch streben Menschen auf natürliche Weise nach mehr sozialem Engagement.“ (Yang Bai)

Die Stärkung sozialer Bindungen könnte den evolutionären Ursprung der Emotion erklären. Möglicherweise hat Ehrfurcht den Menschen einen Selektionsvorteil verschafft, weil sie die Zusammenarbeit in Gruppen begünstigte. Eigeninteressen, so mutmaßen die Forscher/-innen, wurden unter dem Einfluss von Ehrfurcht zurückgestellt – zugunsten des Kollektivs.

Tatsächlich belegen eine Reihe von Experimenten, dass Ehrfurcht das prosoziale Verhalten auf subtile Weise verstärkt. Personen, die Ehrfurcht empfinden, sind hilfsbereiter und großzügiger gegenüber ihren Mitmenschen und neigen dazu, ethisch korrekt zu handeln. Paul Piff und Kollegen etwa zeigten ihren Probanden eine eindrucksvolle Zeitlupen-Aufnahme (der folgenden vergleichbar), um diesen Effekt zu testen.

Schalten Sie beim Ansehen in den Vollbilmodus und verwenden Sie Kopfhörer.

Die Versuchsteilnehmer teilten ihren virtuellen Mitspielern in einem Computerspiel beträchtlich mehr Ressourcen zu, wenn sie zuvor das Video gesehen hatten. Diejenigen, die ein emotionsneutrales Video (Anfertigen einer Arbeitsplatte aus Holz) zu sehen bekamen, behielten mehr Ressourcen für sich. Wer andere zu mehr sozialem Engagement bewegen möchte, ist gut beraten, die Wirkung von Ehrfurcht mitzudenken.

Und was ist mit der Furcht?

Positive Emotion? Gemeinschaftssinn? – Wo bleibt da die Furcht, die (zumindest im Deutschen) schon im Wort selber steckt? Was ist mit dem „Entsetzen“, das E. T. A. Hoffmann beim Hören der Beethoven-Symphonie spürte? Da die Forschung sich bislang vor allem auf die positiven Aspekte der Ehrfurcht konzentriert hat, sind die Erkenntnisse in dieser Hinsicht (noch) dürftig.

In Studien von Amie Gordon schilderten nur 13 bis 20 Prozent der Befragten überhaupt bedrohliche Erfahrungen, wenn sie sich einen persönlichen Moment der Ehrfurcht in Erinnerung rufen sollten. Die Arten von Auslösern (Natur, Kunst, andere Personen etc.) unterschieden sich dabei kaum von denen in positiven Erlebnisberichten. Sogar derselbe Auslöser – in diesem Fall ein Video über das Universum, untermalt mit geheimnisvoller Musik – wirkte mal mehr, mal weniger bedrohlich. Ob das Ehrfurchtserlebnis beängstigend wirkt, hängt vielmehr davon ab, wie die einzelne Person es bewertet: Je unsicherer sie ist, was passieren wird, und je weniger Einfluss sie darauf nehmen kann, desto mehr Furcht empfindet sie.

Gewitter - Blitz - Feld

Ehrfurcht hat verschiedene Facetten. Ob das Staunen oder das Fürchten überwiegt, hängt von der emotionalen Bewertung durch die Person ab.

Gordon und Kollegen demonstrierten in ihren Untersuchungen zudem, dass die körperlichen Reaktionen (Atmung, Herzfrequenz), die diese bedrohliche Form der Ehrfurcht begleiten, denen von Furcht ähneln. Dennoch stuften die Untersuchten das Erlebnis als Ehrfurcht und nicht als Furcht ein. Sie staunten – und fürchteten sich zugleich.

Ehrfurcht ist damit ein Beispiel für ein gemischtes Gefühl, das sich nicht eindeutig einem positiven oder negativen Pol zuordnen lässt. Spannend ist die Frage, wie sich solche gemischten Gefühlszustände psychologisch erklären lassen. Darauf hat die Wissenschaft noch keine klare Antwort.


Literatur / Quellen

Beiträge zur Ehrfurcht im Greater Good Magazine:
greatergood.berkeley.edu/awe

Bai, Y., Maruskin, L. A., Chen, S., Gordon, A. M., Stellar, J. E., McNeil, G. D., & … Keltner, D. (2017). Awe, the diminished self, and collective engagement: Universals and cultural variations in the small self. Journal Of Personality And Social Psychology, 113(2), 185-209. doi:10.1037/pspa0000087

Gordon, A. M., Stellar, J. E., Anderson, C. L., McNeil, G. D., Loew, D., & Keltner, D. (2017). The dark side of the sublime: Distinguishing a threat-based variant of awe. Journal Of Personality And Social Psychology, 113(2), 310-328. doi:10.1037/pspp0000120

Joye, Y., & Dewitte, S. (2016). Up speeds you down. Awe-evoking monumental buildings trigger behavioral and perceived freezing. Journal Of Environmental Psychology, 47112-125. doi:10.1016/j.jenvp.2016.05.001

Keltner, D., & Haidt, J. (2003). Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion. Cognition & Emotion, 17(2), 297.

Piff, P. K., Dietze, P., Feinberg, M., Stancato, D. M., & Keltner, D. (2015). Awe, the small self, and prosocial behavior. Journal Of Personality And Social Psychology, 108(6), 883-899. doi:10.1037/pspi0000018

Razavi, P., Zhang, J. W., Hekiert, D., Yoo, S. H., & Howell, R. T. (2016). Cross-cultural similarities and differences in the experience of awe. Emotion, 16(8), 1097-1101. doi:10.1037/emo0000225

Stellar, J. E., Gordon, A., Anderson, C. L., Piff, P. K., McNeil, G. D., & Keltner, D. (2017). Awe and Humility. Journal Of Personality And Social Psychology, doi:10.1037/pspi0000109

Shiota, M. N., Keltner, D., & Mossman, A. (2007). The nature of awe: Elicitors, appraisals, and effects on self-concept. Cognition & Emotion, 21(5), 944-963.

Silvia, P. J., Fayn, K., Nusbaum, E. C., & Beaty, R. E. (2015). Openness to experience and awe in response to nature and music: Personality and profound aesthetic experiences. Psychology Of Aesthetics, Creativity, And The Arts, 9(4), 376-384. doi:10.1037/aca0000028

Valdesolo, P., Park, J., & Gottlieb, S. (2016). Awe and scientific explanation. Emotion, 16(7), 937-940. doi:10.1037/emo0000213

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