Die Psychologie der Emotionen

Lisa Feldman Barrett: How Emotions Are Made

Die Kluft, die Philosophen und Psychologen zwischen Kognition und Emotion geschlagen haben, hat mich nie wirklich überzeugt. Die Emotions- und Hirnforscherin Lisa Feldmann Barrett stellt in diesem Buch nun eine schlüssige und überzeugende Theorie vor, die endlich mit dieser künstlichen Trennung bricht. Eine kleine Revolution! Und: das beste psychologische Sachbuch, das ich zum Thema Emotionen gelesen habe.

Das Buch ist so reich an faszinierenden und fundamentalen Erkenntnissen, dass es schwerfällt, in einer kurzen Besprechung auch nur einen Bruchteil davon wiederzugeben. Im Kern geht es Barrett darum, die klassische Sicht auf Emotionen zu entthronen, die sich von der griechischen Antike bis heute hartnäckig in der Alltagspsychologie und in der Wissenschaft hält: dass die genetisch-biologische Ausstattung den Menschen bestimmte Emotionen diktiert, die einem immer gleichen Schema folgen und universell die gleichen Verhaltensreaktionen auslösen. In zahlreichen Studien konnte die Psychologin zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Weder in Gesichtern noch im Gehirn zeigten Freude, Ärger, Trauer & Co. eindeutige Muster, die diese geläufige Sichtweise bestätigen könnten. Im Gegenteil: Abweichungen und Variationen scheinen die Regel zu sein.

Barrett stellt der klassichen Sicht eine konstruktivistische entgegen. Emotionen sind ihrer Auffassung nach erfahrungsbasierte mentale Kategorien, die jeder Mensch in der Interaktion mit seiner (sozialen) Umwelt nach und nach konstruiert und mit Bedeutung versieht. Als Zutaten gehen in die Konstruktion ein: die Wahrnehmung der äußeren Situation, die Wahrnehmung des eigenen inneren Zustandes (Interozeption) sowie kulturelle Konzepte, die unsere Mitmenschen uns – häufig durch sprachliche Begriffe – vermitteln. Zur biologischen Ausstattung gehören demnach keine fixen emotionalen Schaltkreise, sondern ein Gehirn, das eine flexible Vernetzung erlaubt – und ein affektives Basissystem, das eine erste grobe Einordnung in angenehm versus unangenehm und wenig bis stark erregt vornimmt. Kognitionen und Emotionen, die traditionell eher als verschieden oder sogar widerstreitend betrachtet werden, funktionieren dieser Theorie nach nicht grundsätzlich anders. Angst ist ebenso ein Konstrukt des Gehirns wie Biene, Pizza oder Geld.

„An emotion is your brain’s creation of what your bodily sensations mean, in relation to what is going on around you in the world.“

Da der Vorgang der Konstruktion unbewusst abläuft, entsteht bei uns der Eindruck, Emotionen seien „natürlich“ gegeben. Man spürt nicht, dass man aktiv an der Entstehung einer Emotion beteiligt ist. Das erklärt, warum die klassiche Sicht auf Emotionen auf den ersten Blick so überzeugend wirkt. Emotionen empfinden und bei anderen erkennen können wir aber nur, wenn wir zuvor ein entsprechendes mentales Konzept entwickelt haben. Wörter, die Dinge oder Ereignisse in einem Begriff bündeln, erleichtern das Erlernen emotionaler Konzepte, vermutet Barrett.

Laut Barrett erzeugt das Gehirn ständig Simulationen der Welt (der äußeren und der inneren, körpereigenen). Deren Funktion ist in erster Linie die Vorhersage der unmittelbaren Zukunft: Auf Basis der gespeicherten Konzepte prognostiziert das Gehirn, welche Handlung im nächsten Moment optimal für unser Überleben und unser Wohlbefinden ist – wobei die Konzepte zugleich durch neue Sinneserfahrungen erweitert und verändert werden. Wenn man so will, „errechnet“ das Gehirn zu jeder Zeit, was im nächsten Moment wahrscheinlich passieren wird, damit wir sinnvoll und schnell darauf reagieren können. Würde das Gehirn nur reagieren, statt zu prognostizieren, wäre es derart ineffizient, dass wir kaum überleben könnten.

„In a sense, your brain is wired for delusion: through continual prediction, you experience a world of your own creation that is held in check by the sensory world.“

Meistens funktionieren die Vorhersagen gut. Sie können aber fehlerhaft sein. Etwa dann, wenn wir die Ursachen unseres inneren affektiven Zustands fälschlicherweise den äußeren Ereignissen und Gegebenheiten zuschreiben. Dieses Phänomen wird als affektiver Realismus bezeichnet – und kann verheerende Folgen haben. Barrett führt frappierende Beispiele an: Richter, die Bewährungen ablehnen, weil die Verhandlung kurz vor Mittag unter Hungergefühlen stattfindet. Soldaten, die unschuldige Menschen erschießen, weil sie in einer bedrohlichen Situation eine Kamera für eine Waffe halten.

„You might think that in every day life, the things you see and hear influence what you feel, but it’s mostly the other way around: that what you feel alters your sight and hearing. Intercoception in the moment is more influential to perception, and how you act, than the outside world is.“

Mindestens ebenso spannend wie der grundlegende Ansatz zur Entstehung von Emotionen sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Barrett spricht sich für eine Gesellschaft aus, in der stärker berücksichtigt wird, das Emotionen durch Erfahrung geformt werden: vom Einfluss der Lebensgestaltung auf das emotionale Gleichgewicht, über die Förderung der emotionalen Intelligenz durch Erziehung, bis hin zur Berücksichtigung von Forschungserkenntnissen in Gesetz und Rechtssprechung.

Es bleibt zu wünschen, dass dieses großartige Buch bald ins Deutsche übersetzt wird, denn: Je mehr Menschen es lesen, desto besser!


Mehr zu Lisa Feldman Barrett und ihrer Forschung:

Offizielle Website: lisafeldmanbarrett.com/
Das Labor der Forscherin: Interdisciplinary Affective Science Laboratory
Interview mit Lisa Feldman Barrett: Why Emotions Are Situated Conceptualizations

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