Die Psychologie der Emotionen

Sind nicht-religiöse Kinder altruistischer als religiöse?

Eine viel zitierte Studie behauptet, religiös erzogene Kinder seien weniger bereit mit anderen zu teilen als Kinder, die nicht religiös aufwachsen. Was ist wirklich dran?

In Deutschland glauben einer Erhebung des PEW Research Center (2014) zufolge 33% von tausend Befragten, dass religiöser Glaube Voraussetzung für moralisches Verhalten ist. Im europäischen Vergleich befindet sich dieser Prozentanteil im Mittelfeld. Im internationalen Vergleich rangieren wir damit auf den hinteren Plätzen. In einigen Ländern der Welt (z.B. Ägypten, Indonesien, Pakistan und Ghana) liegt der Prozentsatz derer, die sich Moral ohne Religiosität kaum vorstellen können, bei über 90 Prozent.

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Entgegen dieser weltweit verbreiteten Annahme gehen Psychologen und Evolutionsbiologen mehrheitlich davon aus, dass Religion keine Voraussetzung für moralisches Verhalten ist, sondern dass Moral sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, um kooperatives Verhalten zu ermöglichen. „Moral ist ein Set psychologischer Anpassungen, die es ansonsten selbstsüchtigen Individuen erlauben, die Vorteile von Kooperation zu nutzen“, hält Joshua Greene, Professor für Psychologie in Havard, in seinem Werk Moral Tribes (2013) fest. Aus seiner Sicht ist Moral im Kern eine altruistische Haltung: Selbstlosigkeit und die Bereitschaft, andere auf eigene Kosten zu begünstigen. Moral kann in Form von Religion daher kommen, muss aber nicht.

Eine Studie von Jean Decety und Kollegen (2015), die jüngst in Current Biology veröffentlicht wurde, behauptet nun sogar, dass Kinder, die religiös aufwachsen, weniger altruistisch und prosozial sind. Und sie zeigt zugleich, wie sehr das Thema geeignet ist, die Gemüter zu erhitzen. Laut Almetric, einem Londoner Startup, dass die Online-Aktivitäten rund um wissenschaftliche Veröffentlichungen analysiert, gehört die Studie zu den meist zitierten Untersuchungen des Jahres 2015: Sie rangiert mit 63 News-Beiträgen, 2071 Tweets sowie 46 Posts über Google plus auf Platz 10 der dort gelisteten Veröffentlichungen (vgl. www.altmetric.com/top100/2015/). Kernaussage der Untersuchung ist, dass religiös erzogene Kinder weniger altruistisch sind und bereits bei unverfänglichen Reibereien zu harter Bestrafung neigen. Die Autoren stellen in Frage, dass Religion prosoziales Verhalten befördert. Wie ernst sind die Ergebnisse zu nehmen?

Das Experiment

Die Wissenschaftler untersuchten dass Verhalten von 1.170 Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren in fünf verschiedenen Ländern (China, Jordanien, Kanada, Südafrika, Türkei und USA) mithilfe des Diktatorspiels. Bei dem Spiel sollten die Kinder attraktive Sticker mit einem anonymen Gleichaltrigen an ihrer Schule teilen, der andernfalls leer ausgehen würde. Außerdem wurden den Kindern visuelle Szenen harmloser Übergriffe (Anrempeln, Schubsen) präsentiert, um zu überprüfen, wie verwerflich sie solche Übergriffe einschätzen und welche Strafe der Übeltäter aus ihrer Sicht verdient hat. Über die Aussagen der Eltern wurde für jedes Kind erfragt, welcher Religion es angehört und wie stark die Religion in der Familie praktiziert wird (Erhebung mittels Duke Religiousness Questionnaire). Ferner wurde der sozio-ökonomische Hintergrund der Kinder erhoben (Bildungsgrad der Mutter).

Das Alter der Kinder hatte einen entscheidenden Einfluss: Je älter die Kinder waren, desto mehr von ihren eigenen Ressourcen (in Form der von ihnen präferierten Sticker) teilten sie mit anderen. Der religiöse Hintergrund hatte einen gegenteiligen Effekt: Kinder aus religiösem Elternhaus überließen ihren Schulkameraden weniger Sticker als Kinder, die nicht religös aufwuchsen. Es machte keinen Unterschied, ob es sich um eine christliche oder muslimische Orientierung handelte. Weitere religiöse Orientierungen wurden aufgrund der geringen Fallzahlen aus der Betrachtung ausgeschlossen.

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Religiöse Kinder verurteilten Dritte härter und belegten sie mit harscheren Strafen als nicht-religiöse Kinder. Leider verraten uns die Autoren der Studie in ihrem Beitrag in Current Biology nichts darüber, welche Formen der Bestrafung gewählt wurden, sodass diese Aussage sehr abstrakt bleibt. Die Deutung der Wissenschaftler, dass dieses Ergebnis die Intoleranz religiöser Personen anzeigt, erscheint nicht zuletzt daher kühner als die Ergebnisse tatsächlich nahelegen.

Der sozioökonomische Status der Familie und das Herkunftsland konnten nicht erklären, warum die Kinder mehr oder weniger altruistisch handelten. Zumindest wird in dem veröffentlichten Artikel nichts darüber berichtet. (Ich hoffe, dass dies dem Platzmangel in der Fachzeitschrift geschuldet war und keine Fakten unterschlagen wurden, die nicht richtig ins Bild passen wollten.)

Positiv hervorzuheben ist, dass es sich um eine groß angelegte Studie handelt, die Probanden aus verschiedenen Ländern und Kontintenten einbezieht. Ein experimenteller Angang ist zudem aussagekräftiger als eine Erhebung, die sich auf Selbstauskünfte der Teilnehmer verlässt. Wer behauptet nicht gerne von sich großzügig und hilfsbereit zu sein? Trotzdem bleibt die Methode fragwürdig, mit der die Wissenschaftler „Altruismus“ in ihrem Experiment umsetzen. Kann die künstliche Spielsituation – das Teilen schnöder Sticker – eine Aussage darüber machen, wie altruistisch sich Personen außerhalb des Labors verhalten? Spielen äußere Gegebenheiten eventuell eine größere Rolle, als die Autoren der Studie annehmen?

Es gibt zahlreiche Studien, die die Bedeutung der Situation für die Hilfsbereitschaft betonen. Der Klassiker ist ein Experiment, das die Sozialpsychologen Darley und Batson sich in den 70er Jahren ausdachten: Inspiriert durch die biblische Erzählung vom barmherzigen Samariter beobachteten sie, wie Theologiestudenten auf einen Mann reagieren, der einen Schwächeanfall vortäuscht. Es zeigte sich, dass nicht die religiöse Einstellung für das  Hilfeverhalten entscheidend war, sondern der Zeitdruck, dem die Studenten ausgesetzt waren. Diejenigen, die in Eile waren, halfen deutlich weniger als diejenigen, die genügend Zeit hatten, sich auf den Hilfsbedürftigen einzulassen. Anders als in der neueren Studie von Decety und Kollegen zeigt das Experiment von Darley und Batson, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Altruismus und prosoziales Verhalten zu untersuchen (direkte Begegnung mit einem Hilfsbedürftigen!) – und dass eine religiöse Einstellung unter gewissen Umständen nicht entscheidend ist.

Um gültige Aussagen zu treffen, müssten entsprechende Versuchsanordnungen besser durchdacht sein. Die Frage, ob und wie religiöse Sozialisation menschliches Verhalten beeinflusst, bleibt spannend.


Literatur / Quellen

Darley, J. M., & Batson, C. D. (1973). ‚From Jerusalem to Jericho‘: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal Of Personality And Social Psychology, 27(1), 100-108. doi:10.1037/h0034449

Decety, J., Cowell, J., Lee, K., Mahasneh, R., Malcolm-Smith, S., Selcuk, B., & Zhou, X. (2015). The Negative Association between Religiousness and Children’s Altruism across the World. Current Biology, 25(22), 2951-2955.

Greene, J. (2013). Moral tribes: Emotion, reason, and the gap between us and them. New York, NY, US: Penguin Press.

Pew Research Center (2014). Worldwide, Many See Belief in God as Essential to Morality. Richer Nations Are Exception. Zugriff am 14.02.2016 unter: www.pewglobal.org/files/2014/05/Pew-Research-Center-Global-Attitudes-Project-Belief-in-God-Report-REVISED-MAY-27-2014.pdf

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