Die Psychologie der Emotionen

Poesie unter Gänsehautverdacht

 

„Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“

Läuft Ihnen beim Lesen dieser Verse von Theodor Fontane ein kleiner Schauer über die Haut? Dann sind Sie in bester Gesellschaft mit den Frauen und Männern, die am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik untersucht wurden, um die emotionale Wirkung poetischer Texte zu erhellen.

Goosecam

Goosecam zum Filmen der Gänsehaut

Den Versuchsteilnehmern wurden in dem Experiment jeweils fünf ausgewählte Gedichte vorgelesen, darunter die Abendphantasie von Hölderlin, Fontanes Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland und Schillers Die Bürgschaft. Sie sollten angeben, welche Passagen sie besonders berühren, d. h. einen Schauer (chill) bei ihnen auslösen. Zeitgleich filmten die Wissenschaftler mit einer speziellen Gänsehaut-Kamera (Goosecam), ob und wann sich die Körperhärchen der Zuhörer aufrichteten. Neben weiteren physiologischen Messungen (Hautleitfähigkeit, Herzfrequenz, feine Bewegungen der Gesichtsmuskeln) deuten sie die Gänsehaut als ein Anzeichen für emotionale Erregung. Bei 40 Prozent der Probanden zeichnete die Spezial-Kamera tatsächlich eine Gänsehaut auf – sowohl bei Gedichten, die die Teilnehmer bereits vor dem Experiment kannten, als auch bei unbekannter Lyrik, die die Versuchsleiter für die Probanden ausgesucht hatten.

Um Herauszufinden, welche Merkmale der lyrischen Komposition besonders auf die Zuhörer wirken, schauten Eugen Wassiliwizky und seine Kollegen auf die Position der Wörter, bei denen die emotionale Erregung stark ausgeprägt war. Bewegend waren der Analyse zufolge vor allem das Ende eines Verses, einer Strophe und des gesamten Gedichts. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass der Rhythmus und die inhaltliche Struktur des Gedichts Erwartungen beim Zuhörer wecken: Das Gehirn antizipiert, wie der Vers bzw. das Gedicht enden wird – und an den Schlusspositionen wird jeweils aufgelöst, ob diese Vorhersage zutrifft oder nicht.

Aber auch Passagen, in denen ein imaginärer Gesprächspartner direkt angesprochen wird (So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«) hatten ein höheres Erregungspotential als rein beschreibende Textstellen. Die Wissenschaftler vermuten, dass hier Empathie eine große Rolle spielt: Gedichte handeln oft von persönlichen Schicksalen, vom Gelingen oder Misslingen in Liebesbeziehungen und Freundschaften – soziale Beziehungen, die auch für die Rezipienten bedeutungsvoll sind.

Heat Map: Analyse der emotional erregenden Passagen in der letzten Strophe des „Herr von Ribbeck“. Jede Reihe steht für einen Vers, jedes farbige Quadrat für ein Wort. Die Farbe gibt die Anzahl der Chills (Schauer) an, die das jeweilige Wort unter allen Probanden auslöste.

Was Menschen emotional bewegt, und wie sich dieses Bewegtsein von anderem emotionalen Zuständen abgrenzen lässt, erforschen Psychologen noch gar nicht lange. Vorausgehende Studien konnten zeigen, dass einschneidende Lebensereignisse erwartungsgemäß besonders ergreifend sind: Geburt, Tod, Hochzeit, Trennung. Unter die Haut gehen aber ebenso fiktive Geschehnisse in Literatur und Film. Auch das kennen die meisten aus eigener Erfahrung. Was haben die realen und die erfundenen Begebenheiten gemeinsam? Was ist der Kern bewegender Ereignisse?

Bewegend sind Situationen für Personen offenbar dann, wenn sie diese nicht selber verursacht haben und wenn sie deren Ausgang kaum beeinflussen können: Sie sind nicht Urheber, sondern Zeuge des Geschehens. Charakteristisch für bewegende Momente ist zudem, dass sie häufig in zwischenmenschlichen Settings auftreten und sozialen Normen oder eigenen Idealen in hohem Maße entsprechen. Es wird daher vermutet, dass das Bewegtsein dazu beiträgt, soziale Bindungen zu verstärken. Die meisten Menschen empfinden es als etwas Positives, Erbauliches. Dennoch handelt es sich um einen ambivalenten Zustand, der Freude und Trauer gleichermaßen aktiviert – ein Paradox, das man bisher nicht wirklich erklären kann.


Die Studie:
Eugen Wassiliwizky, Stefan Koelsch, Valentin Wagner, Thomas Jacobsen, Winfried Menninghaus; The emotional power of poetry: neural circuitry, psychophysiology, compositional principles. Soc Cogn Affect Neurosci 2017 nsx069. doi: 10.1093/scan/nsx069

Verwendete Gedichte:
Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Friedrich Hölderlin: Abendphantasie
Friedrich Schiller: Die  Bürgschaft

Infos zur Gänsehaut-Kamera:
www.goosecam.de

Weiterführende Literatur:
Fuchs, T., & Koch, S. C. (2014). Embodied affectivity: On moving and being moved. Frontiers In Psychology, 5

Hogan, P. C. (2010). On being moved: Cognition and emotion in literature and film. In L. Zunshine, L. Zunshine (Eds.) , Introduction to cognitive cultural studies (pp. 237-256). Baltimore, MD, US: Johns Hopkins University Press.

Menninghaus, W., Wagner, V., Hanich, J., Wassiliwizky, E., Kuehnast, M., & Jacobsen, T. (2015). Towards a psychological construct of being moved. Plos One, 10 (6) . doi:10.1371/journal.pone.0128451

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