Die Psychologie der Emotionen

Traurigsein schmälert das Riechvermögen

Dass Gerüche bestimmte Gefühle in uns hervorrufen können, wissen viele Menschen aus eigener Erfahrung. Offenbar beeinflussen emotionale Stimmungen aber ihrerseits auch das Riechvermögen: Wissenschaftler der Universität Würzburg und der TU Dresden haben herausgefunden, dass sich die Wahrnehmung von Gerüchen in traurigen Momenten verändert.

Emotionen gezielt zu untersuchen, ist eine der schwierigsten Aufgaben psychologischer Forschung. Um belastbare Aussagen über bestimmte Gefühle machen zu können, müssen die Forscher sicherstellen, dass sich die untersuchten Personen im gewünschten Gefühlszustand befinden. Angst, Freude, Trauer und ihresgleichen müssen im Labor künstlich und innerhalb kürzester Zeit erzeugt werden. Häufig konfrontiert man man die Testpersonen mit Bildern oder Filmen, die sich in vorhergehenden Studien als gute Emotionsauslöser bewährt haben.

Den Filmausschnitt aus The Champ (1979), der die Probanden dieser Studie in einen traurigen Zustand versetzten sollte, kann man sich (derzeit) auf Youtube ansehen. Man sieht einen Jungen, der seinen beim Boxen tödlich verletzten Vater in den Tod begleitet. (Vorsicht, der Film ist wirklich herzergreifend!)

 

Ziel der Übung war, die Wirkung von Trauer auf den Geruchssinn zu erkunden. Schon länger nehmen Hirnforscher an, dass das Riechen – mehr als alle anderen Sinne – direkt an unsere Gefühle gekoppelt ist. Das Gehirn verarbeitet Gerüche in Arealen, die auch aktiv werden, wenn wir emotional sind – insbesondere im limbischen System. Zum Beispiel konnten Studien zeigen, dass der Geruchssinn von Menschen mit depressiven Symptomen schlechter ist. Forscher erhoffen sich, durch die Analyse des Zusammenspiels von olfaktorischer Wahrnehmung und Affekten die Funktionsweise des Gehirns insgesamt besser zu verstehen: Wandelt sich die Wahrnehmung von Gerüchen durch besondere strukturelle Bedingungen im Gehirn, die sich nur bei depressiven Menschen finden, oder wandelt sie sich durch das Traurigsein an sich? Dann müsste das Phänomen auch bei gesunden Menschen zu beobachten sein.

Nachdem die gesundheitlich unauffälligen Versuchspersonen den Film angesehen hatten, flößte man ihnen mithilfe eines Olfaktometers zwei verschiedende Gerüche in das rechte Nasenloch ein: Phenylethanol, ein chemischer Stoff, der nach Rosen duftet, oder Schwefelwasserstoff, ein Gas, das wie faule Eier stinkt. Dann prüften die Psychologen, ob sich die elektrischen Spannungen im Gehirn und die Riechfähigkeit veränderten.

Die sensorischen Potenziale im EEG waren verlangsamt (Latenz), wenn die Personen zuvor den traurigen Film gesehen hatten. Die Wellenhöhe (Amplitude) war nur beim Geruch von faulen Eiern verringert, nicht beim angenehmen Rosenduft. Die Ergebnisse aus dem Riechtest mit sogenannten Sniffin‘ Sticks waren weniger eindeutig: Die traurigen Testschnüffler konnten zwar weniger gut riechen als in einem Vortest (bei dem ein angsteinflößende Szene aus Halloween gezeigt wurde). Die Leute aus einer Kontrollgruppe (die eine neutrale Filmszene zu sehen bekamen) schnitten aber ebenfalls schlechter ab.

Es gibt demnach Anzeichen, dass Trauer an sich die Informationsverarbeitung im Gehirn verändert – auch bei gesunden Menschen. Ob das für andere Emotionen ebenfalls zutrifft, bleibt offen.


Die besprochene Studie:

Flohr, E. R., Erwin, E., Croy, I., & Hummel, T. (2016). Sad Man’s Nose: Emotion Induction and Olfactory Perception. Emotion, doi:10.1037/emo0000224

Auch noch interessant:

Hatt, H., Dee, Ch. (2012): Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken. München: Knaus

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